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Geschichte der Schären: 1719, Lotsen, Dampfschiffe, Sommergäste

Von Martin HöllingerZuletzt aktualisiert am 23. August 2026

Reihe alter roter Fischerhütten direkt am Wasser, daneben ein hölzernes Ruderboot

Die behördliche Liste der 1719 niedergebrannten Höfe umfasst rund 500 Seiten. In jenem Sommer griff die russische Galeerenflotte über hundert Inseln und Orte im Stockholmer Schärengarten an, zerstörte knapp tausend Höfe, Hütten und Torpe und machte etwa zehntausend Menschen obdachlos - ein Fünftel der damaligen Stockholmer Bevölkerung. Fast alles, was heute in den Schären steht, ist jünger als dieser Sommer.

Der Sommer 1719

Zwischen dem 11. Juli und Mitte August operierte eine russische Flotte aus 132 Galeeren und rund hundert kleineren Schärenbooten mit etwa 25.000 Mann an der schwedischen Ostküste. Am 14. Juli erreichte sie Värmdö, Vindö und Runmarö, danach zog die Zerstörung nach Süden weiter.

In der nördlichen Hälfte des Schärengartens wurden mindestens 462 Höfe und fünf Herrensitze niedergebrannt oder geplündert, im Värmdö skeppslag und in Tören mindestens 586 Höfe, Torpe und Herrensitze.

Eine Insel blieb verschont: Svartlöga in der nördlichen Außenschäre. Deshalb hat sie heute eines der besterhaltenen Dorfensembles der Region - dazu mehr im Beitrag über die abgelegenen Inseln. Auf Möja überstand nur die kleine Kapelle in Berg den Angriff; die heutige Kirche stammt von 1768. Sichtbar geblieben sind die Ryssugnar, stehen gebliebene Kaminsockel niedergebrannter Häuser.

Was davor war

Die Schären waren kein leerer Raum. Möja wird bereits in der Segelbeschreibung König Valdemars aus dem 13. Jahrhundert als „Myghi” genannt, und ein Landregister von 1543 verzeichnet dort elf Höfe, verteilt auf dieselben Dörfer, die es heute gibt.

Auf Utö lebten Menschen bereits Mitte des 6. Jahrhunderts, und ab dem 11. Jahrhundert wurde dort Eisenerz abgebaut - rund 700 Jahre lang, in den ältesten Eisengruben Schwedens.

Was die Inseln wirtschaftlich zusammenhielt, waren drei Erwerbszweige: Fischerei, Lotsendienst und Zoll. In Sandhamn siedelten sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Lotsen von Eknö an, um 1670 eröffnete die Zollstation, und 1672 machte das erste Wirtshaus auf. 1726 wurde die Fahrrinne, die Sandhamnsleden, für ausländische Schiffe freigegeben, und 1752 entstand das große Zollhaus nach Plänen des Schlossarchitekten Carl Hårleman.

Die Festungslinie

Parallel dazu entstand ein Verteidigungssystem. Als Stockholm zur Hauptstadt wurde, bekam die schmale Wasserstraße bei Vaxholm militärische Bedeutung: Im 16. Jahrhundert entstand dort unter Gustav Vasa ein Verteidigungsturm, und über die Meerenge wurde eine Kette gespannt, um Schiffe aufzuhalten.

Zwischen 1833 und 1863 wurde die Anlage auf Anweisung von Karl XIV. Johan von Grund auf neu gebaut - Anlass war die veränderte Lage, nachdem Finnland russisch geworden war. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Festung ihre Rolle, weil die Verteidigungslinie weiter nach außen verlegt wurde.

Zur Sicherung der Zufahrt gehörten auch die Leuchtfeuer. Auf Landsort entstand 1651 das erste in Schweden gebaute Leuchtfeuer, der heutige Steinturm stammt von 1686. 1757 folgte der Korsö-Turm bei Sandhamn, das erste schwedische Leuchtfeuer mit Dreheffekt.

Das Dampfschiff verändert alles

Der eigentliche Bruch kam nicht durch Krieg, sondern durch den Fahrplan. Sandhamn bekam 1865 eine regelmäßige Dampfschiffverbindung nach Stockholm, Möja 1906. Von da an mussten die Inselbewohner ihre Ware nicht mehr in die Stadt rudern und segeln - und gleichzeitig kamen die Städter heraus.

Die Folgen waren tiefgreifend. 1880 hatte Sandhamn rund 300 Einwohner, fast dreimal so viele wie heute. In derselben Zeit entstanden die Villen der Jahrhundertwende in den Ortskernen, während die Fischerfamilien in ihren kleinen roten Häusern blieben: In Vaxholm lebten im 19. Jahrhundert rund 150 Fischerfamilien, überwiegend in Norrhamnen und Västerhamnen.

1897 stand das Klubhaus des 1830 gegründeten Königlich Schwedischen Segelclubs in Sandhamn. Damit begann die Verwandlung eines Lotsendorfs in ein Segelzentrum, die den Ort bis heute prägt.

Die Sommergäste

Die zweite Welle kam in den 1930er und 1940er Jahren mit den sportstugor, kleinen Freizeithütten im Funktionalismus der Zeit. Anders als die großen Villen waren sie für normale Angestellte gedacht; ein gut erhaltenes Beispiel ist die Siedlung Trouville im Süden von Sandhamn.

Wie sich daraus der heutige Markt entwickelte, zeigt der Beitrag über Sommerhäuser in den Schären: Im Mittel kostet ein Ferienhaus im Stockholmer Län heute 3,5 Millionen Kronen, in der Gemeinde Vaxholm 9,6 Millionen.

Industrie in den Schären

Zwei Orte fallen aus dem Bild vom Fischerdorf. In Gustavsberg auf Värmdö wird seit den 1820er Jahren Porzellan gebrannt; um 1900 arbeiteten dort über 800 Menschen, und um die Fabrik entstand ein kompletter Werksort mit Wohnhäusern, Läden, Schule und Kirche.

Auf Utö lief der Bergbau bis 1879. Was blieb, sind wassergefüllte Schächte mitten im Dorf und ein Straßennetz, das für den Erztransport gebaut wurde und heute zum Radfahren dient.

Was blieb

Die Fischerei war auf mehreren Inseln bis weit in die 1980er Jahre die wichtigste Einnahmequelle. Der Erdbeeranbau, der über eigene Boote nach Stockholm lief, kam um 1970 fast vollständig zum Erliegen. Heute leben die Inselbewohner von vielen kleinen Erwerbszweigen gleichzeitig; auf Möja gibt es rund 60 Betriebe bei etwa 250 ganzjährigen Bewohnern.

Dass große Teile des Schärengartens öffentlich zugänglich sind, geht auf Entscheidungen des 20. Jahrhunderts zurück. 1967 verkaufte Torsten Kreuger 900 Inseln rund um Bullerö für vier Millionen Kronen an den Staat, obwohl ihm bis zu 80 Millionen geboten worden waren - unter der Bedingung, dass daraus ein Naturschutzgebiet mit öffentlichem Zugang wird. Heute verwaltet die Skärgårdsstiftelsen rund 12 Prozent der Landfläche im Schärengarten.

Häufige Fragen zur Geschichte der Schären

Was geschah 1719 in den Schären?

Zwischen dem 11. Juli und Mitte August griff eine russische Galeerenflotte über hundert Inseln an. Knapp tausend Höfe und Hütten wurden zerstört, rund zehntausend Menschen wurden obdachlos.

Gibt es Gebäude, die 1719 überstanden haben?

Wenige. Die Kapelle in Berg auf Möja überstand den Angriff, ebenso der Leuchtturm auf Landsort. Die Insel Svartlöga blieb ganz verschont und hat deshalb heute eines der besterhaltenen Dorfbilder.

Wovon lebten die Inselbewohner früher?

Von Fischerei, Lotsendienst und Zoll, auf Utö vom Eisenerzbergbau. Auf mehreren Inseln kam der Erdbeeranbau dazu, der um 1970 endete.

Wann kamen die Sommergäste?

Mit der Dampfschifffahrt. Sandhamn bekam 1865 eine regelmäßige Verbindung, Möja 1906. Die zweite Welle folgte in den 1930er und 1940er Jahren mit kleinen Freizeithütten.

Warum ist Vaxholm eine Festungsstadt?

Weil die Meerenge dort der Zugang nach Stockholm ist. Im 16. Jahrhundert entstand unter Gustav Vasa ein Verteidigungsturm samt Sperrkette, zwischen 1833 und 1863 wurde die Anlage neu gebaut.

Wem gehören die Inseln heute?

Überwiegend privaten Eigentümern. Rund 12 Prozent der Landfläche verwaltet die Skärgårdsstiftelsen, die auf einen Verkauf von 900 Inseln an den Staat im Jahr 1967 zurückgeht.

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