Wie die Schären entstanden: Eis, Landhebung und 30.000 Inseln
Von Martin HöllingerZuletzt aktualisiert am 23. August 2026

Im Naturschutzgebiet Flaten bei Stockholm liegt ein Feld aus rundgeschliffenen Steinen, das vor rund 5.000 Jahren von der Brandung geformt wurde. Es liegt heute 30 Meter über dem Meeresspiegel. Nicht weil das Wasser gesunken wäre, sondern weil das Land steigt - und genau dieser Vorgang hat die Stockholmer Schären hervorgebracht und formt sie weiter.
Das Eis und was es hinterließ
Vor etwa 20.000 Jahren lag über Skandinavien ein Inlandeis, dessen Gewicht die Erdkruste nach unten drückte. Vor rund 15.000 Jahren begann es zu schmelzen, und mit dem nachlassenden Druck begann die Kruste, sich zurückzuheben.
Das Eis hinterließ zwei Dinge. Erstens die Form des Untergrunds: rundgeschliffene Felsbuckel, Schrammen in Fließrichtung, Findlinge und ausgeräumte Senken, die heute die Sunde und Fjärde zwischen den Inseln bilden. Zweitens einen Auftrieb, der bis heute anhält.
Was daraus entstand, sind rund 30.000 Inseln ohne Landverbindung, von denen etwa 200 bewohnt sind.
Die vier Ostseen
Zwischen Eisrand und heutigem Meer lagen vier verschiedene Gewässer, die abwechselnd salzig und süß waren, je nachdem ob die Verbindung zum Atlantik offen war.
| Stadium | Namensgeber |
|---|---|
| Baltischer Eisstausee | aufgestautes Schmelzwasser am Eisrand |
| Yoldiameer | die Muschel Yoldia arctica |
| Ancylussee | die Schnecke Ancylus fluviatilis |
| Littorinameer | die Schnecke Littorina littorea |
Die Namen stammen von Arten, die in den jeweiligen Ablagerungen häufig sind und dem Stadium seinen Namen gaben. Das Brackwassermeer, das wir heute Ostsee nennen, existiert erst seit etwa 8.000 Jahren - und damit auch erst seit dieser Zeit die ökologische Grundlage der heutigen Schären.
Die Landhebung: 30 bis 40 Zentimeter pro Jahrhundert
Die Hebung ist regional sehr unterschiedlich. Am stärksten fällt sie an der Küste des Bottnischen Meerbusens im Norden aus, mit rund 10 Millimetern pro Jahr; am schwächsten in Schonen mit etwa einem Millimeter. Schweden verwendet dafür seit 2016 das Modell NKG2016LU, das auch in den übrigen nordischen und baltischen Ländern gilt.
Für die Stockholmer Schären nennt die Gemeinde Värmdö einen Wert von 30 bis 40 Zentimetern pro Jahrhundert. Das klingt nach wenig und ist es auf einer Menschenlebensspanne auch: drei bis vier Zentimeter in zehn Jahren. Über tausend Jahre werden daraus drei bis vier Meter, und genau das verändert eine Landschaft aus flachen Felsen grundlegend.
Seit dem Ende der Eiszeit haben sich Teile des Landes um mehrere hundert Meter gehoben, und einige Zehnermeter stehen noch aus.
Warum die Schären ständig wachsen
Die Rechnung ist einfach: Wo das Wasser flach ist und das Land steigt, tauchen laufend neue Felsen auf. Ein Unterwasserriff wird zum Schär, ein Schär zur Insel, zwei Inseln wachsen zusammen, eine Bucht wird zum Binnensee.
Deshalb gibt es keine feste Zahl, wie viele Inseln der Schärengarten hat - die Zahl hängt davon ab, ab welcher Größe man zählt, und sie steigt. Was die Kartenmacher als 24.000 oder 30.000 angeben, ist eine Momentaufnahme.
Sichtbar wird der Vorgang an den Anlegestellen und Bootshäusern: Ältere Stege liegen auf manchen Inseln zu hoch, und Fahrrinnen müssen nachgemessen werden. Für die Bootsfahrt in engen Sunden ist das ein praktisches Thema, nicht nur ein geologisches.
Was man im Gelände sieht
Rundgeschliffene Felsbuckel. Der typische Schärenfels ist auf der Seite, aus der das Eis kam, sanft geschliffen und auf der Gegenseite steiler abgebrochen. Wer die Richtung erkennt, sieht die Fließrichtung des Eises.
Schrammen im Fels. Feine parallele Rillen, entstanden durch Steine, die das Eis über den Untergrund schleifte.
Strandwälle in der Höhe. Felder aus runden Steinen weit über dem heutigen Wasserspiegel, wie das Feld im Naturschutzgebiet Flaten. Sie markieren alte Uferlinien.
Wenig Boden. Auf den Außenschären liegt kaum Erde über dem Fels, weil sie erst vor kurzem aufgetaucht sind. Das erklärt den niedrigen Bewuchs, wie er etwa auf Rödlöga prägend ist, im Gegensatz zu den bewaldeten Inseln der mittleren Zone. Wie sich die Zonen unterscheiden, steht im Beitrag zur Orientierung im Schärengarten.
Warum das Wasser brackig ist
Die Ostsee ist über die dänischen Meerengen nur schmal mit dem Atlantik verbunden, während zahlreiche Flüsse Süßwasser einbringen. Das Ergebnis ist Brackwasser mit deutlich weniger Salz als im Nordatlantik.
Für die Tier- und Pflanzenwelt hat das erhebliche Folgen: Salzwasserarten leben hier an ihrer Toleranzgrenze und bleiben kleiner, Süßwasserarten kommen weiter hinaus als anderswo. Der Ostseehering ist kleiner als der Nordseehering, und Hecht und Barsch stehen im Meer. Mehr dazu im Beitrag über die Tierwelt der Schären und über den Blasentang, der die Unterwasserwälder bildet.
Häufige Fragen zur Entstehung der Schären
Wie sind die Schären entstanden?
Durch das Inlandeis, das den Untergrund abschliff und die Erdkruste niederdrückte, und durch die Landhebung nach dem Abschmelzen. Aus untergetauchten Felsen wurden so nach und nach Inseln.
Wie schnell hebt sich das Land?
In den Stockholmer Schären um 30 bis 40 Zentimeter pro Jahrhundert. In Schweden reicht die Spanne von etwa einem Millimeter pro Jahr in Schonen bis rund zehn Millimetern am Bottnischen Meerbusen.
Wie alt ist die Ostsee?
Das heutige Brackwassermeer besteht seit etwa 8.000 Jahren. Davor durchlief das Becken vier Stadien, vom Baltischen Eisstausee über das Yoldiameer und den Ancylussee bis zum Littorinameer.
Wie viele Inseln hat der Schärengarten?
Rund 30.000 ohne Landverbindung, davon etwa 200 bewohnt. Eine feste Zahl gibt es nicht, weil laufend neue Felsen auftauchen.
Woran erkennt man die Eiszeit im Gelände?
An rundgeschliffenen Felsbuckeln, an feinen parallelen Schrammen im Fels, an Findlingen und an Strandwällen weit über dem heutigen Wasserspiegel.
Warum ist das Wasser nicht richtig salzig?
Weil die Verbindung zum Atlantik über die dänischen Meerengen schmal ist und viele Flüsse Süßwasser einbringen. Das Ergebnis ist Brackwasser mit eigener Artenzusammensetzung.
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